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Was ist TR?

Hintergrundgeschichte

Sarahs Geschichte …

Die Wärme der Glut fühlte sich gut an auf ihrer Haut. Sarah Morrison achtete sorgfältig darauf, dass die heißen Kohlen keine Flammen schlugen, denn alles, was über ein leichtes Glimmen hinausging, würde ihre Position verraten. Sie hatte fast eine ganze Stunde lang gesucht, ehe sie diesen Platz gefunden hatte, und sie würde den Teufel tun, hier wieder abzuziehen, bevor sie bereit war. Nicht, dass Callawurzeln geröstet besser schmeckten als roh, sie waren fast genauso bitter. Es ging ihr mehr um die Wärme. Nachts konnte es ziemlich kalt auf Foreas werden und die Glut gab gerade genug Hitze ab, um die Kälte zu vergessen.

In der Nacht, in der die Bane angriffen, war es auch kalt gewesen. Ein seltsamer Schauder lief über Sarahs kampfgezeichnetes Gesicht, als sie an ihr früheres Leben zurückdachte, das ihr schon wie das Leben einer anderen erschien. Sie erinnerte sich daran, wie sie es bereut hatte, ihre Lederjacke nicht mitgenommen zu haben, als sie sich in jener Nacht aus dem Haus schlich. Sie war gerade 19 und wie die meisten 19-jährigen eher darauf aus, Spaß zu haben, als sich an irgendwelche willkürlichen Regeln und Ausgehverbote zu halten. Nur weil sie noch bei ihrem Vater wohnte, während sie die Schule vergeigte, und nur weil sie noch drei jüngere Brüder hatte, die sich an diese Regeln halten mussten, hatte ihr Vater noch lange nicht das Recht, ihr die Freiheit zu nehmen. Und trotzdem tat er es. Er mochte ihre Freunde einfach nicht, dachte sie, und schlüpfte durch das Fenster. Dann schlich sie sich die Hauswand entlang in den Hinterhof. Sie war sehr geschickt darin, sich unbemerkt fortzuschleichen, und darauf war sie damals sehr stolz gewesen.

Sarah und ihr Vater hatten gerade ihren allwöchentlichen Streit über ihren „schlechten Umgang“ hinter sich. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater die Tradition eines wöchentlichen Filmabends mit der ganzen Familie eingeführt, auf den er großen Wert legte. Eigentlich mochte sie diese Abende und sie war gern mit ihren Brüdern zusammen. Aber sie war jung und die Nacht voller Abenteuer. Außerdem würden ihre Freunde sie für eine Versagerin halten, wenn sie lieber mit ihrer Familie abhing, als mit ihnen auszugehen und die Gegend unsicher zu machen. Also verbarrikadierte sie sich wütend in ihrem Zimmer – ihr wöchentliches Ritual. Sobald sie hörte, dass nebenan der Film angefangen hatte, war sie draußen. Sie war frei und konnte tun und lassen, was sie wollte. Als sie vom Haus aus nicht mehr zu sehen war, hörte sie auf zu rennen. Sie näherte sich der Ecke, an der Alicia sie abholen würde, und musste lächeln. In der Stadt spielte eine coole Band und es würde ihnen bestimmt gelingen, in den Club zu kommen, ohne Eintritt zahlen zu müssen. Ein kleiner Flirt mit dem Türsteher reichte dafür schon. Sie schaute in den klaren Nachthimmel und meinte, eine Sternschnuppe vorbeifliegen zu sehen. Damals hielt sie das für ein gutes Omen. Aber sie hatte sich getäuscht.

Das tiefe Brummen eines Bane-Shuttles beendete Sarahs kleinen Abstecher in die Vergangenheit. Sie schloss ihre blauen Augen und lauschte. Dem Geräusch nach war das Shuttle noch ziemlich weit entfernt. Das war gut, denn so konnte sie noch ein paar Minuten sitzen bleiben und sich ausruhen. Natürlich war sie schlaflose Nächte und endlose Fußmärsche gewohnt. In ihrer Ausbildung bei den AFS hatte sie gelernt, wie man sich unbemerkt fortbewegt, und darin machte ihr niemand etwas vor. Es ist natürlich nicht ganz einfach, unbemerkt zu bleiben, wenn man mit dem Rest seines Trupps auf einem Transportschiff ankommt. Deshalb reiste sie auf ihren Missionen zumeist allein und suchte sich auf ihre Art Unterschlupf. Ehrlich gesagt war es ihr lieber so. Sie mochte die Leute, mit denen sie zusammen kämpfte, und die anderen mochten sie. Aber sie hatte nie engere Verbindungen gesucht, zumindest nicht seit jener verhängnisvollen Nacht. Sarah reiste nur mit leichtem Gepäck, wenn sie auf einer Mission unterwegs war. Sie nahm nur das Notwendigste mit, alles andere würde sie schon auf dem Weg finden. Zum Beispiel ihr Abendbrot. Sie verzog das Gesicht, würgte den Rest der Callawurzel hinunter und spülte mit dem wenigen Wasser nach, das ihr noch blieb. Sie würde bald neues benötigen. Manchmal wunderte sie sich, wie widerstandsfähig sie geworden war, seit die ganze Sache angefangen hatte. Wie hatte sie sich früher vor Spinnen geekelt! So etwas geht schnell vorbei, wenn man darauf angewiesen ist, Spinnen zu essen, um zu überleben. Der Krieg änderte alles. Die Person, die sie jetzt war, hatte nichts mehr mit dem Teenager zu tun, den sie nach der Invasion auf einer verbrannten Erde zurückgelassen hatte.

Sie war in der Vorstadt in einer Familie aus der Mittelschicht aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete als Ingenieur, ihre Mutter blieb daheim bei den Kindern … Dann plötzlich starb sie. Rebecca Morrison war die vollkommene Hausfrau gewesen, doch ein Hirntumor nahm Sarah ihre Mutter, als sie zwölf war. Eine Weile hatte sie versucht, in ihre Fußstapfen zu treten, hatte sich um ihre kleinen Brüder und den Haushalt gekümmert. Aber in ihrem Herzen war Sarah eher eine Raubkatze. Sie kletterte lieber auf Bäume und raufte sich mit ihren Brüdern. Die Schürze wollte ihr nicht so recht passen. Als sie auf die High School kam, verbrachte sie immer weniger Zeit zu Hause. Es war für sie zu einer Art Landeplatz geworden, wo sie nach ihren Partys wieder aufschlagen konnte. Und obwohl sie sich mit ihren Brüdern immer noch gut verstand, spannte sich die Beziehung zu ihrem Vater durch schlechter werdende Noten, die Wahl ihrer Freunde und ihr ungezogenes Verhalten immer mehr an.

Sarah und ihr Vater hatten keine Gelegenheit, sich zu versöhnen. Als in der Nacht der Invasion die erste Angriffswelle kam, hielt sie sich mit Fremden auf der untersten Ebene eines Parkhauses versteckt. Währenddessen wurde das Haus ihrer Kindheit eingeäschert, in dem ihr Vater und ihre Brüder in der Falle saßen. Als sie endlich heimkam, war außer Asche und verkohlten Leichen von ihrem bisherigen Leben nichts mehr übrig.

Sarah atmete tief durch und verdrängte die Gedanken an jene grausige Nacht. In den folgenden Wochen waren noch viel mehr Menschen gestorben, als Thrax-Patrouillen die Gegend nach Überlebenden absuchten. Alicia hatte es nicht geschafft. Niemand, den sie kannte, hatte es geschafft. Soweit sie es beurteilen konnte, war ihr bisheriges Leben und die Menschen, die Teil dieses Lebens waren, für immer verloren. Heute, keine zwei Jahre später, war Sarah Morrison ein Sergeant der AFS und stand kurz davor, einen Bane-Außenposten zu infiltrieren. Ihr Ziel war es, die Bastarde ein Stück weiter zurückzudrängen. Jeder Meter Boden, den sie gutmachte, war ein Schritt gen Zuhause. Jede Bane-Basis, zu deren Eroberung sie beitrug, und jeder Bane, den sie ausschaltete, war ein Schritt in Richtung Freiheit. Sie warf Sand auf die Glut, deren Wärme versiegte, überprüfte ihr Gewehr, hängte es sich um und überprüfte über die Schulter hinweg auch ihr Schwert. „Die Letzten beißen die Hunde“, dachte sie. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ja, sie würde alles daran setzen, dass die Bane die Letzten sein würden.